Tür an Tür – Digital Factory gGmbH | Projekt “Integreat”

Laut UNHCR sind weltweit knapp 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Neben den 40 Millionen Binnenflüchtlingen, sind beinahe 25 Millionen aus ihren Heimatländern geflohen und suchen in einem anderen Land Schutz. In Deutschland hat die Anzahl an Geflüchteten in 2015 die Zahl von einer Million überschritten. Der einzige Kontakt zur Heimat und/oder zur zurückgebliebenen Familie ist fast ausschließlich per Internet oder Telefon möglich (Quelle: http://www.unhcr.de/service/zahlen-und-statistiken.html).
Die Mehrheit der Menschen mit Fluchthintergrund hat daher Zugriff auf Smartphones oder Internettechnologien, um auch während der Reise Informationen abzurufen oder sich zu vernetzen (Quelle: http://qz.com/500062/the-most-crucial-item-that-migrants-and-refugees-carry-is-a-smartphone/). Auf der anderen Seite haben die meisten Menschen mit Fluchthintergrund bei ihrer Ankunft keinen Zugriff auf mobile Datennetzwerke, sondern lediglich auf öffentliche WLAN-Hotspots. Im Gegensatz zu einer Vielzahl von existierenden Websites mit Informationen, kann über eine App-Plattform mit Offline-Caching nicht nur eine Konsolidierung der Informationen erfolgen, sondern der Inhalt auch außerhalb von öffentlichen Hotspots abgerufen werden.

Ausgehend von dieser Problemstellung erwuchs die Idee Integreat ins Leben zu rufen. Eine mobile App für Menschen, die durch Flucht oder Migration in eine fremde Kultur kommen. Integreat ermöglicht den einfachen Informationsfluss zwischen Kommunen, Hilfsorganisationen und Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund – egal ob in einer Kommune oder einem Landkreis. Integreat stellt Geflüchteten im Alltag wichtige Informationen in einer kostenlosen, mehrsprachigen, offline nutzbaren App zur Verfügung und bildet langfristig die Grundlage eines digitalen Serviceökosystems für Geflüchtete. Die Inhalte werden von lokalen Initiativen unter kommunaler Verwaltung gepflegt. Unsere Lösung ist kostenlos, unkommerziell und gemeinnützig. Kern der Lösung ist eine mobile Applikation (Frontend) in Kombination mit einem intuitiv zu bedienenden Informationsmanagementsystem (Backend). Entschließt sich eine Kommune, ein Landkreis oder Verein für Integreat bekommen diese eine eigene mobile App, welche auf Wunsch bereits eine deutschlandweit gültige Vorlage in mehreren Sprachen enthält, die die Kommune dann um lokale Informationen ergänzen kann. Ergänzt wird dieses Angebot durch Integreats Web-App, wo über eine Website ebenfalls auf die Inhalte zugegriffen werden kann, und die integrierte PDF-Funktion, sodass die der aktuelle Stand der Informationen jederzeit ausgedruckt werden kann und so auch diejenigen ohne Smartphone oder Computer erreicht.
Im Gegensatz zu anderen Lösungen am Markt entfaltet Integreat lokal seine Wirkung, ist gleichzeitig aber unbegrenzt skalierbar. Die Lokalität der Informationen für Geflüchtete ist deshalb so wichtig, da sich Prozesse und Zuständigkeiten von Institutionen oft innerhalb desselben Bundeslandes oder gar desselben Regierungsbezirks unterscheiden. Die Genauigkeit und Aktualität der Informationen wird dadurch gewährleistet, dass die Inhalte von den Personen vor Ort und nicht von einem externen Dienstleister erstellt werden. Das Team von Integreat kann sich so auf seine Stärken, Weiterentwicklung von Plattform und App, Einbinden neuer Funktionen und Beratung der Kommunen und Landkreise, konzentrieren.

Gestartet im November 2015 mit Augsburg als Pilotstadt, nutzen bereits 18 Kommunen und Kreise Integreat für die Informationsversorgung der Geflüchteten vor Ort. Nachdem zunächst benachbarte Kommunen und Kreise in Bayern Interesse bekundeten, ist Integreat seit Januar im Landkreis Coburg live im Einsatz und in dieser Woche wird das Integreat-Team dem Landkreis Wunsiedel die Einsatzmöglichkeiten und Funktionsweise von Integreat vorstellen.

Trotz des bisherigen Erfolges mit Integreat als lokalem Orientierungshelfer bei und nach der Ankunft in der neuen Heimat, soll Integreat langfristig ein vollumfänglicher, digitaler Integrationshelfer werden, der über die Bereitstellung der am Anfang so wertvollen lokalen Informationen hinausgeht.
In Gesprächen, die zu Beginn des Jahres mit Experten aus der Praxis und den Nutzern geführt wurden, haben sich vier Themengebiete herauskristallisiert, für die Integreat versuchen wird entsprechende digitale Unterstützungsangebote zu entwickeln. Diese „Vier Säulen hin zu erfolgreicher Integration“, wie sie bei Integreat genannt werden, sind (1) Deutsche Sprache, (2) Eigene Wohnung, (3) Arbeit und Bildung und (4) Teilhabe. Dabei soll mit einer richtigen Mischung aus eigener Entwicklung und Einbindung von Angeboten anderer Anbieter der Weg zum digitalen Integrationshelfer gemeistert werden. Mit dem Alphabetisierungs-Tool Serlo ABC, der Praktikumsbörse für Geflüchtete “Sprungbrett into Work” und der Job-Plattform “Careers4Refugees werden aktuell die ersten Angebote integriert. In einem völlig neuartigen Design, basierend auf dem Feedback von Integreat Nutzern, werden diese Angebote innerhalb der kommenden zwei Monate erstmals erscheinen.



Antragssteller*in: Tür an Tür - Digital Factory gGmbH | Projekt "Integreat"

Anschrift: Wertachstr. 29, 86153 Augsburg

Status des Projektes: Wachstumsphase

Webseite: http://www.integreat-app.de

Preisgeld:

Eigene Umsätze, Spenden, Preisgelder und Fördergelder werden bei Integreat unmittelbar in den Erhalt und die Weiterentwicklung der Plattform investiert. Mit jeder neuen Kommune steigt der Betreuungsaufwand für das Integreat-Team, das zu großen Teilen aus Ehrenamtlichen besteht. Gleichzeitig steht die eben skizzierte Herausforderung an, Integreat entlang den Bedürfnissen der Nutzer auszurichten und weiterzuentwickeln. Das sind natürlich vorrangig Geflüchtete, gleichzeitig soll aber auch die Arbeit der hauptamtlichen Beratungsstellen, der öffentlichen Verwaltungen und auch der Ehrenamtlichen, die vor Ort die enormen Integrationsanstrengungen stemmen, erleichtert werden.
Dazu braucht das Team weitere hauptamtliche Mitarbeiter, die verlässlich zur Verfügung stehen, sei es für die Betreuung der Kommunen oder um technische Entwicklungen zeitnah umsetzen zu können. Bei Integreat wird ein Ansatz verfolgt, der als Community Engagement bezeichnet wird, bei dem ein kleiner hauptamtlicher Kern ein großes Team Ehrenamtlicher organisiert, sodass das Preisgeld, eingesetzt für eine weitere hauptamtliche Stelle, einen Multiplikator-Effekt nach sich zieht, da diese Stelle wiederum einige weitere Ehrenamtliche anleiten und organisieren kann.
Im folgenden Teil zur Finanzierung schlüsseln wir diese Idee noch einmal im Detail auf.

Finanzierung:

Über das bayernweite Netzwerk MigraNet sind seit Juli 2016 bis Ende des Jahres 2018 zwei Teilzeitstellen finanziert worden, die sich auf die Thematik rund um die Integration von Migranten in den hiesigen Arbeitsmarkt konzentrieren. Über das Programm “Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge”, das vom DAAD für 2017 und 2018 neu aufgelegt wurde, nachdem es im Laufe des Jahres 2016 pilotierte, können drei Studentische Hilfskräfte für Integreat tätig sein.
Diese hauptamtlichen Stellen führen und organisieren ein Team von beinahe 40 Ehrenamtlichen, die je nach verfügbarer Zeit zu Kommunen und Kreisen fahren, um die Einsatzmöglichkeiten von Integreat vor Ort zu präsentieren, an der technischen Weiterentwicklung der Plattform arbeiten oder mit bestehenden und potenziellen Partnern (weitere) Kooperationsmöglichkeiten ausloten.
Integreat versucht gesamtheitlich die Kosten zu gering wie möglich zu halten. Integreat ist ein Open-Source-Projekt, der Programmcode steht für jeden zur Sichtung, Nutzung und zur Weiterentwicklung offen zur Verfügung. Integreat kann so diverse Software-Lizenzen, die essentiell für die Entwicklung sind, kostenlos nutzen. Flyer und Plakate sind von Integreat designt und werden den Kommunen und Kreisen zur Verfügung gestellt, die diese dann selbst in den Druck geben können. Verbleiben nur noch Reisekosten, die für die Reisen zu Kommunen und Kreisen oder Multiplikator-Veranstaltungen anfallen.
Der aktuelle Personalstamm hauptamtlicher Mitarbeiter ist derzeit noch in der Lage die immer noch stetige Nachfrage weiterer Kommunen Kreise zu stemmen, jedoch ist für weiteres Wachstum und die weitere Entwicklung von Integreat ein kontinuierlicher Umsatzstrom fast unabdingbar. Deswegen bietet Integreat seit August 2016 Kommunen und Kreisen eine freiwillige Service-Vereinbarung mit einer monatlichen Pauschale an. Darin enthalten ist ein monatlicher persönlicher Support-Service auch vor Ort und bessere Konditionen für Übersetzungen über einen von Integreats Kooperationspartnern. Mittlerweile haben acht der 18 Integreat einsetzenden Kommunen und Kreise eine solche Service-Vereinbarung abgeschlossen, was Stand März monatlich 1.750 Euro Umsatz bedeuten. Eine Kommune mit einer Service-Vereinbarung erhält keine zusätzlichen Funktionen in Integreat im Vergleich zu den Kommunen die Integreat kostenfrei nutzen, weil Integreat für Geflüchtete gestaltet worden ist und nur weil Geflüchtete das Pech hatten, in einer Kommune mit leeren Kassen zu landen, sollten sie trotzdem den Nutzen von Integreat erhalten – erst recht, wenn die Kommune bereits die notwendigen zeitlichen Ressourcen schafft, um Integreat mit Inhalt zu füllen und aktuell zu halten.

Weitere relevante Fakten: